Akzeptanz > Body Shaming

Vor einiger Zeit hatte ich ein ziemliches Tief, was mein Selbstwertgefühl und vor allem meinen Körper anging. Mir war das nicht nur unangenehm, sondern auch peinlich. Bin ich doch sonst immer die starke Frau, die für sich aufsteht, nicht auf den Mund gefallen ist und von allen als selbstbewusst beschrieben wird. Jemand, der sich gegen Body Shaming einsetzt und anderen großartige Ratschläge gibt, wie sie mit sich selbst zufriedener sein können. Weißt du, was ich auch bin? Eine riesige Heuchlerin, denn natürlich habe auch ich viele Momente, in denen ich mich nicht wohl in meinem Körper fühle. Nur, weil man in seinem Körper drinsteckt, hat man aber auch nicht das Recht, ihn ständig runterzumachen. Bei anderen Body Positivity anpreisen und bei sich selbst nur Body Shaming zu praktizieren passt irgendwie auch nicht zusammen.  

Bei diesem Gedanken ist mir irgendwann klar geworden, was ich meinem Körper (mental) angetan habe. Und, dass er eine Entschuldigung verdient.  

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An meinen Körper:

Du lässt mich atmenMich die Essenz des Lebens einsaugen, während ich dich mit Zigarettenqualm und Abgasen belaste. Filterst den Sauerstoff aus der Luft, der mich am Leben hält. Gibst mir die Kraft zu sprinten und in mich zu gehen. Einzuatmen, auszuatmen. Im Moment zu sein und mich vollkommen auf mich zu konzentrieren. Wenn ich das Gefühl habe, dass alles zu viel wird und ich nicht mehr atmen kann erinnerst du mich daran, dass ich sehr wohl kann.  

Du lässt mich die Welt aus einer einzigartigen Perspektive betrachten. Anstatt mich früher über meine Sehschwäche aufzuregen, hätte ich dir danken sollen, dass ich die Welt sehen darf. Dass ich deinetwegen all diese wunderschönen Erinnerungen in meinem Kopf abgespeichert habe. Es sind diese Bilder, diese Erfahrungen und Erinnerungen, die mich zu der machen, die ich bin. Und ich sollte dir viel öfter dafür danken, anstatt mich über Brillen & Kontaktlinsen aufzuregen.  

Du lässt mich fühlen – und dafür bestrafe ich dich viel zu oft. Dieses Chaos an Emotionen, das du in mir auslöst überwältigt mich manchmal beinahe. In diesen Momenten möchte ich am liebsten in einen anderen Körper schlüpfen und nur für einen Moment so tun, als wäre alles in Ordnung. Gleichzeitig lässt du mich lachen und lieben und erinnerst mich wieder daran, dass das Leben wunderschön sein kann – dass es wichtig und gut ist zu fühlen. Anders wäre das Leben doch langweilig, oder? 

Du bist so starkSo oft habe ich dir schon Vorwürfe gemacht, dich runtergezogen und dir gesagt, dass du nicht gut genug bist. Ich möchte mich für jeden Moment entschuldigen, in dem ich dich nicht schön oder stark genug fand. Leider bin ich auch nur ein Mensch und lasse mich viel zu oft von gesellschaftlichen Idealen leiten, denen du nie entsprechen wirst (und musst!). Ich arbeite daran, das zu akzeptieren und dich zu akzeptieren so wie du bist. Das bisschen Cellulite, die Dehnungsstreifen und die Rasierpickel können uns mal! Wir spielen im selben Team und ab jetzt gebe ich dir Rückendeckung.  

 

Was ich dir nicht versprechen kann: Dass ich dir diese Dinge nicht in der Zukunft wieder irgendwann mal um die Ohren hauen werde. Ganz im Gegenteil, wahrscheinlich werden noch viele Momente kommen, in denen ich dir all das wieder vorwerfe. Dass du zu viel bist. Zu wenig. Nicht schön genug. Nicht stark genug. Ich bin nun mal nicht perfekt und du bist das auch nicht. Aber weißt du was? Das ist okay so.  

Wenn ich in Zukunft über Selbstliebe rede, werde ich hoffentlich an dieses Schreiben denken. Daran, dass es in Ordnung ist nicht perfekt zu sein. Dass es gerade diese kleinen Makel sind, die mich zu der Person machen, die ich bin. Möglicherweise auch daran, dass es dabei vor allem um Akzeptanz geht und ich mich nicht zu jeder Zeit selbst lieben kann. Ich hoffe, dass wir irgendwann eine stabile und glückliche Beziehung führen, in der wir uns gegenseitig unterstützen.  

Bitte verzeih mir, dass ich dich nicht immer als das Wunder betrachten kann, das du bist.  

Es tut mir leid. Du bist gut, so wie du bist, und ich bin stolz auf dich. 

 

Deine Bewohnerin   

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 Was würdest du deinem Körper sagen?