Warum wir aufhören sollten, uns um unsere Intimfrisur solche Gedanken zu machen

Bei meinem 14-jährigen Ich hat das Thema Intimfrisur ungeahnte Stressphasen ausgelöst. Rasierpickel? Eingewachsene Haare? So oft rasiert, dass alles da unten nur noch aussieht wie ein Schlachtfeld? Hatte ich alles. Mal ehrlich: Hatten wir wahrscheinlich alle, weil fast absolut jede*r sich bei diesem Thema gestresst hatMittlerweile bin ich erwachsen und dieser Stress hat zum Glück ziemlich nachgelassen. Die letzten paar Jahre haben ausgereicht, um zu verstehen, dass es zwar viele Vorstellungen zu Intimfrisuren, aber zum Glück keinerlei Regeln dazu gibt. Im Klartext heißt das: Ich habe verstanden, dass es vollkommen wurscht ist, was ich da unten mache. Solange ich mich gut damit fühle. Easy peasy, Ende der Geschichte. 

Schön wär’s. Obwohl ich nämlich mittlerweile sehr viel reflektierter mit dem Thema umgehen kann und mich eine Woche nicht zu rasieren keine Schweißausbrüche mehr in mir auslöst, bleibt es doch ein präsentes Thema in meinem Kopf. Eins, was mich wahnsinnig nervt. Denn ich bin vielleicht erwachsen und reflektiert und verwünsche die Schönheitsindustrie für ihre auferlegten Ideale: Aber ich lasse mich immer noch davon beeinflussen. Aber zum Anfang.  

Warum ist die Intimfrisur eigentlich so ein Riesenthema? 

Schamhaare. Angenehmes Wort, oder? Finde ich auch nicht. Der Name setzt ja quasi schon voraus, dass es da etwas zum Schämen gibt. Ganz neutral betrachtet gibt es das aber nicht. Menschen wachsen Haare im Intimbereich, unter den Armen, auf dem Kopf – eigentlich überall. Jedem Menschen. (Scham-)Haare sind also die normalste Sache auf der ganzen Welt und es wäre schön, wenn sie auch so behandelt würden. Werden sie aber nicht, zumindest nicht für Frauen*. Lasst uns einen Blick auf die (Leidens-)Geschichte der Intimfrisuren werfen und klären, wo die Scham herkommt. 

Ein generationenübergreifendes Gespräch

Unsere Großeltern 

Beim Weihnachtsessen hat sich aus dem Blauen heraus eine Diskussion über Intimfrisuren mit meinen Großeltern ergeben. Irgendwann beim Nachtisch hat meine Oma mich angeguckt und in ihrer typisch entrüsteten Art gefragt: „Sag mal, warum rasieren sich die jungen Leute heute eigentlich überall? Das hat doch gar keinen Nutzen!“ Ich habe darauf erstmal gelacht, musste ihr dann aber doch innerlich zustimmen. „Tja, gute Frage, Oma“, habe ich geantwortet. „Eigentlich hast du schon Recht damit.“  

Ganz neutral gesehen hat die Intimrasur tatsächlich keinen nennenswerten Mehrwert. Sie macht uns weder gesunder noch hygienischer. Nach heutigen Standards macht sie uns angeblich schöner, aber auch das sehe ich kritisch. Unten mehr dazu. Hier zeigt sich jedenfalls eines: Zu Zeiten unserer Großeltern war Körperbehaarung noch vollkommen normal. Für beide Geschlechter. Was hat sich also über die Zeit verändert?  

Unsere Eltern 

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir ein bisschen in der Zeit vorspulen. Nämlich zur Era unserer Eltern. Den Boomers und denen danach. In ihrer Generation wurde die Norm zum Rasieren quasi geboren. Von wem, fragst du dich?

Von der Schönheitsindustrie. Hier kommt der Knackpunkt. Die Norm, dass Frauen allzeit glattrasiert sein sollen, wurde nämlich bewusst erzeugt. Nicht, um uns das Leben zu verbessern, wie immer so schön behauptet wird. Nein, es ging schlicht und einfach darum, einen Markt zu erschaffen, der profitabel ist. Und das hat so übergreifend und global funktioniert, dass man der Schönheitsindustrie dafür beinahe auf die Schulter klopfen könnte. Das Schönheitsideal der glatt rasierten Frau ist ein Millionengeschäft. Von Pink Tax will ich mal gar nicht anfangen. Und es führt dazu, dass sich viele Jugendliche (und mal ganz ehrlich: auch viele andere) ungeahnten Stress über ihre Intimfrisur machen.  

Wir (Die Millenials, plus minus ein paar Jahre) 

Wie schon gesagt gehöre auch ich zu diesen Rasier-StressernIch würde mal frech behaupten, dass meine Generation die ist, die am meisten unter dem Schönheitsideal zu leiden hat(te). Immerhin sind wir in einer Zeit aufgewachsen, in der ein rasierter Intimbereich, so zumindest behauptet, der Norm entspricht. Überall sieht man nur das – egal ob im Porno oder in der Bikiniwerbung. Verschwiegen wird dabei, welchen Aufwand Frau betreiben muss, um immer so auszusehen. Dass man schon Haut aus Stahl besitzen muss, um sich schmerzfrei täglich zu rasieren.  

Darüber hinaus hält sich das hartnäckige Gerücht, dass Haare im Intimbereich einfach unhygienisch sind. Für alle, die das immer noch glauben: Haare sind einfach Haare und solange ihr euch normal wascht ist da überhaupt nichts unhygienisch. Im Gegenteil, Haare im Intimbereich können sogar Krankheitserreger abfangen und so dafür sorgen, dass du eine gesunde Intimflora hast*. Wie gesagt, diese Gerüchte wurden klug über die Zeit gestreut, um davon zu überzeugen, dass eine Rasur des Intimbereichs notwendig ist.  

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Zwischenfazit: Wie die Schönheitsindustrie uns alle in die Irre führt

Um das kurz zusammenzufassen: Die Intimrasur (der Frau) wurde irgendwann so um die 80er Jahre von der Schönheitsindustrie zur Norm gemacht. Ein unglaublich profitabler Markt, vor allem für Kosmetikprodukte, ist dabei entstanden. Von nun an sollte nicht nur Mann* in Produkte zur Rasur investieren, um gesellschaftsfähig zu bleiben – sondern auch Frau*. Gleichzeitig wurde durch dieses erschaffene Bild die natürliche Behaarung zunehmend negativ konnotiert und wird heutzutage eher missbilligt. Das führt dazu, dass ich, du und eventuell viele andere sich für ihre Intimbehaarung schämen. Oder sich zumindest viele Gedanken darum machen, was andere von ihrer Intimfrisur halten.  

Außer natürlich die Generation, bei der diese Norm noch nicht da war. Ich jedenfalls beneide meine Oma für ihre Entrüstung. Ich sollte mir davon eine Scheibe abschneiden, denn wir leben im Jahr 2021 und ich möchte mehr selbstbestimmt sein was meine Intimfrisur angeht. Wie, erfährst du jetzt.  

Was können wir gegen den Intimrasur Stress tun?

Den Status Quo hinterfragen

Am wichtigsten ist, seine eigenen Vorstellungen und Verhaltensweisen erstmal zu hinterfragen. Was für Gedanken verbinde ich persönlich mit der Intimrasur? Falls ich mich rasiere, warum tue ich das? Mache ich das wirklich für mich, oder tief drinnen doch eher, um dem Ideal zu entsprechen?  

Herumexperimentieren

Wenn man die Antworten auf diese Fragen findet, kann man auch herausfinden, was man selbst schön findet. Man kann dann herumexperimentieren und ausprobieren, wie man sich in unterschiedlichen Situationen, und mit unterschiedlichen Intimfrisuren, fühlt. Manche finden Stoppeln total lästig, andere finden zu lange Haare da unten unangenehm, wieder andere empfinden eine Rasur als total unangenehm.  

Eine gute Methode ist, erstmal für einen gewissen Zeitraum wachsen zu lassen, zum Beispiel eine Woche. Betrachte dich im Spiegel und schau, welche Gedanken dir in den Kopf kommen. Jetzt kannst du anfangen, langsam ein bisschen an den äußeren Rändern zu rasieren. Wie viel du dabei wegnimmst und wie genau du alles da unten arrangierst ist vollkommen dir überlassen.  

Offen (mit dem/der Partner*in) reden!

Für alle, die Angst haben, was ein*e eventuelle*r Partner*in denken könnte: Wer dich mit Haaren im Intimbereich nicht mag, mag dich ohne auch nicht genug. Jede*r hat andere Vorlieben, was die Intimfrisur betrifft und das ist auch gut und legitim so. Man kann immer darüber reden und sich über Wünsche und Vorstellungen des Partners austauschen. Letztendlich bleibt es aber immer deine Entscheidung, was du da unten machst. Und das sollte immer respektiert werden! 

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Fazit: Lasst uns aufhören, uns zu schämen!

Ganz ehrlich? Ich schäme mich heute noch am Strand für die Rasierpickelchen und ein bis zwei Haare, die ich nicht erwischt habe. Wenn ich einen neuen Partner habe, braucht es seine Zeit, bis ich mich auch unrasiert wohl fühle. Ich bin mir aller Fakten bewusst, die ich oben aufgezählt habe – aber wissen und umsetzen sind zwei unterschiedliche Dinge. Das zeigt nur, wie sehr dieses Schönheitsideal meine Gedanken trotz allem beherrscht.

Aber weißt du was? Ich sage dieser Vorstellung jetzt den Kampf an. Mittlerweile finde ich eine schicke Intimfrisur nämlich echt sexy. Ich finde das hat etwas. Ich fühle mich damit weiblich – und schön. Also mache ich jetzt ein Experiment und lasse einfach mal ein bisschen wachsen! So lange, wie ich mich damit gut fühle. Um herauszufinden, was ICH schön finde. Byebye Ideal – ich mache jetzt, was ich will.  

Bist du dabei?

*Quellen:

Correlation between pubic hair grooming and STIs: results from a nationally representative probability sample