Sex und Kunst im gleichen Satz? Oh ja.

Was Bondage ist, weiß mittlerweile vermutlich die breite Masse. Aber hast du schonmal von Shibari gehört?  

Shibari ist eine besonders artistische Form der Fesselkunst, die ursprünglich aus Japan kommt. Meistens gibt es dabei einen aktiven (fesselnden) und einen passiven (gefesselten) Part. Dieses Verhältnis zeigt schon, dass man dabei super mit Dominanz spielen kann. Aber unten mehr dazu…  

Anders als beim Bondage steht beim Shibari (oft) nicht der Sex im Vordergrund, sondern vielmehr Erotik und Ästhetik. Es wird als eine Kunstform betrachtet und muss daher nicht zwingend mit sexuellen Handlungen in Verbindung stehenFür Shibari braucht es praktisch nur eines: Seile! Selbstverständlich auch einen Partner, Vertrauen und beidseitiges Einverständnis (ganz wichtig!).  

Wir haben für dich Claire* interviewed, die privat schon viele Erfahrungen mit Shibari gemacht hat und uns alle brennenden Fragen dazu beantwortet hat! 

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1. Was ist Shibari? 

Shibari, auch bekannt als Kinbaku, ist eine Form des japanischen Seil Bondage. Normalerweise benutzt man dafür Jute oder Hanfseile. Das Wort „Shibari“ lässt sich grob mit „zu binden“ übersetzen. „Kinbaku“ geht in der Definition noch einen Schritt weiter, die das Knüpfen von Knoten zu erotischen (und manchmal künstlerischen) Zwecken beschreibt. Der Körper wird dabei in besonderen Positionen gefesselt und unter anderem auch an der Decke festgehängt. Dadurch entstehen besonders hingebungsvolle, akrobatische Bilder. Manche beschreiben Kinbaku als eine „alte japanische Knotenknüpftechnik“, aber das ist nicht ganz korrekt. Obwohl der technische Aspekt dieser Kunst tatsächlich von einem Kampfsport namens Hojōjutsu abstammt, der mehrere hundert Jahre alt ist, gibt es Kinbaku so wie wir es kennen erst seit dem 20. Jahrhundert. Wirklich bekannt wurde die Kunst in Japan aber erst nach der Kriegsperiode Ende der 1950er.  

 2. Geht es dabei um Sex oder Kunst? Oder beides? 

Also ich würde Shibari nicht per se als sexuelle Praktik definieren. Es ist eher eine erotische Kunstform, wobei das ästhetische Arrangement von Seilen und Knoten im Vordergrund steht. Daneben spielt auch die intime und sinnliche Energie zwischen den Partnern eine riesige Rolle! Die individuellen Knotentechniken unterstreichen Sinnlichkeit, Verletzlichkeit, aber auch Stärke. Durch die Positionierung der Knoten an unterschiedlichen Druckpunkten am Körper kann man ganz besondere Empfindungen erzeugen. Es geht nicht nur um das Fesseln an sich, sondern um die Art wie es den Körper formt. Also das Zusammenspiel und Hervorheben von Körperteilen mit und durch die Seile. Dadurch können besonders künstlerische Positionen eingenommen werden! 

Auch die Machtdynamik zwischen den beiden Partnern kann super erotisch aufgeladen sein. Am Ende geht es bei Shibari vor allem darum, einen Zustand von Schönheit, Eleganz, Lust und auch Leiden durch die Seile zu erreichen. Es ist also mehr als „Sex haben während man zufällig gefesselt ist“. Das will ich nochmal unterstreichen (lacht).  

3. Ok, also Shibari kann auch komplett ohne Sex sein? 

Ja klar! Heutzutage kann Shibari auch komplett platonisch stattfinden. Jeder kann dabei seinen eigenen Zweck verfolgenOb du dich auf Verletzlichkeit, Intimität oder Machtspiele konzentrierst, ist ganz dir und deinem Fesselpartner überlassen. Vielleicht geht es dir auch mehr um die Ästhetik oder den akrobatischen Aspekt – probier dich einfach aus! 

4. Tut Shibari weh? 

Um ganz ehrlich zu sein: Grundsätzlich schon ein wenig. Der Körper wird an bestimmten Punkten durch die Seile eingeschränkt, die Druck auf diese Stellen ausüben. Das führt zu manchmal schmerzhaften, aber auch sehr befriedigenden Empfindungen für viele – vor allem, wenn man in der Luft hängt. Es gibt aber auch sehr sanfte Wege und Positionen, die weniger schmerzhaft sind. Am Ende müssen die Partner gut kommunizieren und sich auf einen Weg einigen, mit dem beide glücklich sind.  

Noch ein wichtiger Punkt bezüglich SchmerzShibari kann zwar ein bisschen weh tun, es sollte aber keinesfalls ernsthaft verletzen, oder dich gesundheitlich gefährden! Ein professionelles Training ist unbedingt notwendig, damit zwischen leichten, befriedigenden Schmerzen und ernsthaften Schmerzen unterschieden werden kann.  

5. Was gefällt dir am meisten an Shibari? 

Normalerweise bin ich diejenige, die gefesselt wird. Als Fesselmodel gefällt mir die introspektive Reise einer Shibari Session. Während du angefasst und gefesselt und hochgehoben wirst, bist du vollkommen eins mit deinem Körper. Du fühlst dich sehr verbunden mit deinen Emotionen, aber auch mit deinem Körper. Durch Shibari konnte ich die Stärken und Schwächen meines Körpers nochmal neu kennenlernen. Außerdem hat mir Shibari meine persönlichen Grenzen nochmal klar aufgezeigt und mich gelehrt, diese zu respektieren und zu kommunizieren. Sich jemandem so vollkommen hinzugeben ist eine einmalige Erfahrung bei der man viel über sich selbst lernt. In meinem Fall, dass ich viel mehr aushalte, als ich immer dachte (lacht). Mir gefällt es aber auch, diese intime Blase mit jemandem zu teilen. Während der Session gibt es nur uns beide, unsere Körper und Empfindungen. Dieses Gefühl gibt es für mich in keiner anderen Situation.  

6. Kann ich Shibari einfach zuhause ausprobieren, oder sollte ich dafür in ein professionelles Studio gehen? 

Bei dieser Frage geht es glaube ich um 2 Dinge: a) wie wähle ich den richtigen Partner dafür und b) wo lerne ich Shibari am besten. Was den Partner angeht, kannst du entweder eine Beziehung zu einem (oder mehreren) Fesselpartnern aufbauen, oder von einem professionellen Shibari Meister*in gefesselt werden. So oder so würde ich jemand Neuem dazu raten, sich mit der lokalen Community auseinanderzusetzen. Es kann nicht schaden, erstmal ein paar Shibari Interessierte in einem neutralen Umfeld zu treffen und sich mit denen auszutauschen.  

Wenn es darum geht wo/wie du Shibari am besten lernst, so würde ich schon zu einem professionellen Training raten. Zumindest zu einer Einführung. Andernfalls sind die Verletzungsrisiken zu hoch. Für erste Eindrücke gibt es aber mittlerweile auch tolle Seiten online, wie beispielsweise Shibari Study. Also gern einlesen und dann ab ins Studio! 

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Take Aways: 

  • Kommunikation ist alles. 

Shibari ist sehr divers und kann zu den unterschiedlichsten Zwecken praktiziert werden. Sprecht euch vorher gut über eure Vorstellungen und Wünsche ab.  

  • Nein ist Nein. 

Im selben Zuge: Es ist wichtig, dass Nein auch als Nein verstanden wird. Wenn irgendetwas unangenehm wird, oder eine*r die Session abbrechen möchte, sollte das immer sofort passieren. 

  • Bitte nur mit professionellem Training!

Shibari kann zu super lustvollen Empfindungen führen. Ohne Fachwissen können falsche Seile oder Knotentechniken aber auch zu Verletzungen führen. Daher bitte nur mit einem Profi ausprobieren! 

  • Klamotten gern anbehalten!

Wir wollten nochmal unterstreichen, dass Shibari zwar nackt/ in Unterwäsche praktiziert werden kann und gern darf, wenn man möchte. Es ist aber genauso üblich, dabei Klamotten zu tragen! Hierfür am besten in bequeme und eng anliegende (Sport-) Kleidung schlüpfen. 

*Name geändert